17.06.2023

Was haben Kunst und Finanzen gemeinsam?

Die Schnittmengen des Finanzbereichs mit Kunst und Malerei sind eher gering, so sicherlich eine erste Einschätzung. Im Interview mit der Kunsthistorikerin Dr. Ulrike Lehmann stellen wir diese Einschätzung auf den Prüfstand und erkennen, dass sich der Finanzbereich von der Kunst doch so einiges abschauen kann.

Beitrag mit Bild

Ulrike Lehmann

UL — Dr. Ulrike Lehmann
CL — Prof. Dr. Christian Langmann

CL: Ich freue mich sehr, heute mit der Kunsthistorikerin Ulrike Lehmann über ein Thema zu sprechen, mit dem Finanzvertreter oftmals nur im Museum Berührung haben: Kunst. Lassen Sie uns zunächst einen Blick aus der Sicht von Investoren werfen. Der Wert einer Investition wird aus Finanzsicht unter anderem daran gemessen, welche künftigen Zahlungsrückflüsse sie erzielt. Woran bemisst sich Ihrer Ansicht nach der Wert eines Kunstwerks, z.B. der Sonnenblumen von Vincent van Gogh?

UL: Da kommen sehr viele Faktoren zusammen. Wir reden ja im Finanzbereich von den sogenannten Blue Chips, die hohe Werte erzielen. Diese sind in der Kunst auch zu finden. Blue Chips sind Künstler, die sozusagen schon berühmt geworden sind und eine gesetzte Größe sind, an der heute nicht mehr zu rütteln ist. Das sind in der Regel die großen Klassiker der Kunstgeschichte, die einen hohen Wert haben und einen entsprechend hohen Preis auf Auktionen erzielen. Auch van Gogh zählt zweifelsohne dazu. Für ein Bild von ihm wurden schon 82,5 Millionen Dollar bezahlt. Diese großen Klassiker sind berühmt geworden, weil sie zum Beispiel etwas erfunden haben und damit einzigartig und oft wegweisend sind. Sie haben einen bestimmten Malstil ins Leben gerufen oder bestimmte Themen aufgegriffen, was vorher noch niemand gemacht hatte. Picasso zum Beispiel hat den Kubismus erfunden oder Jackson Pollock seine Drippings. Erstmals hat er beim Malen nicht mehr den Pinsel auf die Leinwand gesetzt. Auch Biografien, ein gewisses Storytelling und die Ausbildung spielen eine Rolle bei der Bewertung. Das gilt ebenso für jüngere und lebende Künstler. Wertvolle Kunstwerke berühren emotional, sie sind meist mehrdeutig und haben eine Aussagefähigkeit. Sie regen zu Fragen und zum Nachdenken an. Bedeutende Kunstwerke sind mehr als nur Dekoration.

Ich unterscheide gerne zwischen dem Kunstwerk und dem rein dekorativen Objekt an der Wand. Ein dekoratives Objekt an der Wand ist in der Regel nicht so teuer und hat meist einen nicht so hohen Stellenwert wie ein Kunstwerk. Es ist austauschbar und eben nicht einzigartig. Dazu kommt, dass der Künstler oder die Künstlerin einen professionellen Weg gegangen ist und die Kunst sein Beruf ist. Ein Künstler befasst sich den ganzen Tag mit der Schaffung von Kunst, er hat eine intrinsische Motivation. Dazu kommt beim Kunstwerk eine Einzigartigkeit des Stils, wie zum Beispiel Katharina Grosse und ihre einzigartige Malerei, die sie von der Leinwand befreit und in den Raum bringt. Dadurch ist ihr Kunstwerk innovativ und besitzt Originalität, auch wenn sie an Vorgänger in der Kunstgeschichte anknüpft. Rein dekorative Objekte haben all diese Merkmale nicht.
Und damit unterscheidet sich Kunst natürlich von Finanzmärkten. Eine Aktie zum Beispiel ist kein Unikat, sondern meist mehrfach vorhanden, während ein Kunstwerk nur ein einziges Mal vorhanden ist, wodurch sich entsprechend dessen Preis erhöht (abgesehen von Auflagenobjekten). Nicht zuletzt gibt es noch ein weiteres Argument, weshalb Kunstwerke teuer sind: Der Preis von Kunst orientiert sich daran, was jemand bereit ist zu zahlen, zum Beispiel in Auktionshäusern.
Wenn man in Kunst investieren will, sollte man zumindest zu Beginn einen Fachmann / eine Fachfrau hinzuziehen. Denn der Kunstmarkt ist intransparent und für Laien nicht sofort durchschaubar. So stehen auch nur selten die Preise direkt an den Werken und sind teilweise verhandelbar.

CL: Das heißt, die Einzigartigkeit ist ein wesentliches Merkmal von Kunst, was auch ihren Preis treibt?

 

 

Lesen Sie kostenfrei das gesamte Interview.


Redaktion

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